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Stephan Bartholomä

Bild des Gebäudes welches Kazantzakis zeitweise benutzt hatAlexis Zorbas Pfeilsymbol Der wahre Sorbas

Von Kohlenbergwerken und Felsgrotten, von malenden Einsiedlern und eifernden Hinterbliebenen.

Gamma und Sigma den Stein geritzt - nach dem nächsten starken Regenguß werden die berühmten Initialen wiederum eine Idee abgeflachter sein. G für Georgios, S für Sorbas. Und wenn einmal der Lauf der Zeit sie zur Gänze ausgelöscht haben sollte - ob dann wohl noch einer wissen wird, das dies einst, dies unscheinbare Haus und sein Drumherum, die Probebühne für ein Stück Weltliteratur gewesen ist? Schon der jetzige Insasse tut alles, es zu verschleiern: Nichts ängstigt ihn mehr als die Vorstellung, seine Eremitage könnte eines Tages vom Raubtier Tourismus gewittert werden.

Auch ich bin mir meiner Unerwünschtheit wohl bewußt. Meine griechischen Begleiter, keine Strapaze scheuend, wo es darum geht, verschüttete Stolleneingänge freizulegen, Überbleibsel alten Bergwerksgeräts zu bergen oder des Dichters Meditiergrotte zu orten, sind in diesem Punkt wenig zuversichtlich. Sie brauchen es gar nicht zu versuchen, der läßt Sie nicht rein. Es ist der leidige alte Konflikt zwischen Respekt und Neugier, bei dem letztlich doch immer die Neugier der Stärkere ist. So wenig wohl mir dabei ist: Ich gebe nicht auf. Dabei: Wie kommt dieser Mensch dazu, von mir aus seiner Ruhe aufgescheucht zu werden? Woher nehme ich das Recht, bei ihm auf Einlaß zu drängen, auf Fühlungnahme zu bestehen? Und dann dies dreiste Ausfragen, kläglich kaschiert mit diesen schnodderigen Formeln der Unaufrichtigkeit: Nur mal eben Guten Tag sagen, wirklich bloß ein kurzer Blick, nein diese herrliche Abgeschiedenheit, Sie müssen schon entschuldigen, gleich sind wir wieder weg. Und dabei in Wahrheit dieses Schielen auf Verweilen, dies herrliche Registrieren und Notieren - und schließlich der Punkt, wo die Lust an der Recherche auch das letzte Quentchen schlechten Gewissens abwürgt.

Ich klopfe also an dem zweiflügeligen Holztor und deute meinen beiden Begleitern, die sich verzagt im Hintergrund halten, sie mögen mein Bemühen durch flankierende Maßnahmen unterstützen, die ihnen als Kennern der Verhältnisse zielführend erscheinen. Vielleicht wissen sie ein verabredetes Zeichen, das den menschenscheuen Hausherrn aus seiner Reserve zu locken vermag? Oder sollte man es besser mit Zurufen versuchen - landsmannschaftlich? Der Gedanke, an der Schwelle zu Sorbas' Reich zu stehen, nur einen Schritt von der Stätte getrennt, von der aus er, rechte Hand des Bergwerkspächters Nikos Kazantzakis, anno 1916/17 die Fäden eines gemeinsamen Abenteuers zog, das dreißig Jahre später den Anstoß zu einem der berühmtesten Romane unseres Jahrhunderts geben sollte, weckt in mir ein Maß von Hartnäckigkeit, das mir von Natur fremd, ja zuwider ist. Und ich habe Erfolg: Als meine Begleiter schon im Begriff sind, den Rückweg anzutreten, höre ich eine Stimme aus dem Hausinnern, dann Schritte im Hof, schließlich einen Schlüssel im Schloß, das Tor geht auf. Vor mir steht ein Mann von knapp vierzig Jahren: wirres blondes Haar, ausgebleichtes T-Shirt; auch wenn es mir vorher keiner gesagt hätte, würde ich sofort auf deutschen Maler tippen. Einer der vielen, die den Traum vom Rückzug aus der Zivilisation geträumt, einer der wenigen, die wahrgemacht, und einer der ganz wenigen, die tatsächlich durchgehalten haben. Rudolf B. ist nun schon das zehnte Jahr hier - in seiner Einsiedelei am Ende der hellenischen Welt. Eines von fünf Häusem jenes Dörfchens Prastova, das keine Landkarte verzeichnet und von dem meine sämtlichen griechischen Gewährsleute einschließlich der allwissenden Zentrale für Fremdenverkehr rundweg behaupten, es existiere gar nicht. Aber ist nicht für Athen diese ganze Region ein Fremdkörper: Mani, die südlichste der drei Südspitzen des Peloponnes?

Würde ich bis zu ihrem äußersten Ende vorstoßen, käme ich zu jenem Kap Tainaron, wo Herakles, Sohn des Zeus und der Alkmene, in die Unterwelt hinabgestiegen ist, den Höllenhund Zerberos zu bezwingen. Ich bin einem anderen Mythos auf der Spur, keinem der Antike, sondem einem neugriechischen, aber die Aufgabe ist deswegen um nichts leichter: dem Mythos Sorbas. Kraft, Mut und Tapferkeit - keine von den Gaben des Herakles steht mir bei meinem Manöver zur Verfügung. Einziges Handwerkszeug: mein Wissen, daß hinter dem Sorbas des Romans ein Mensch aus Fleisch und But steht, daß der Dichter, als er diese wortgewaltige Huldigung an >>eine unverbrauchte groge Seele<< niederschrieb, aus eigenem Erleben geschöpft und daß er bei der künstlerischen Umsetzung dieses Erlebens mir zwei gravierende Retuschen angebracht hat: am Vornamen der Hauptfigur die eine, am Ort der Handlung die andere. Ich brauche also nur Alexis durch Georgios zu ersetzen und Kreta durch Mani: Schon bin ich dem >>echten<<, dem realen Sorbas auf der Spur.

Wirklich schon? Auf allzuviel fremde Hilfe darf ich bei meiner Mission nicht hoffen. Die Kazantzakis - Kenner, die ich da und dort in meine Recherchen einspanne, wollen von solch positivistischem Ansatz nichts wissen und leisten Widerstand - sei es, daß sie jede leibhaftige Existenz eines Sorbas bestreiten, sei es, daß sie sie zwar zugeben, ihr jedoch nur den Rang eines auslösenden Moments einzuräumen bereit sind: Ja, gut, es gab diesen Menschen, aber nichts wäre falscher, als ihn als Figur für sich zu sehen. Nicht um ihn ging es Kazantzakis, sondern um sein eigenes Alter Ego. Um eine ganz bestimmte Seite seines eigenen Wesens - ein klarer Fall von Projektion. Innerlichkeit - neugriechisch.

Ich mache mich auf, dem Gegenstand dieser Projektion näherzukommen. Am besten wohl dort, wo sich die Dinge zugetragen haben: damals im Ersten Weltkrieg, als der 33jährige Kazantzakis >>nach einem Anlaß suchte, der Tintenkleckserei zu entsagen und sich einem tätigen Leben zu widmen<<, an der einsamen Westküste der Halbinsel Mani ein kurz zuvor aufgelassenes kleines Braunkohlenbergwerk pachtete, >>um so ein Leben mit einfachen Menschen, Arbeitern und Bauern, zu führen, weit weg von der Zunft der papierverschlingenden Mäuse<< und sich dabei jenes alten Abenteurers Georgios Sorbas entsann, dessen Bekanntschaft er kurz zuvor auf dem Berg Athos gemacht hatte und der in tausend Metiers und prompt auch dem des Bergmanns bewandert war: >>Ich bin ein ausgezeichneter Kumpel. Ich verstehe mich auf Metalle, finde Erzgänge, öffne Stollen, steige in alle Schächte hinab und fürchte mich nicht<<.

Kazantzakis, der >>Herr Kapitalist<< der sich >>seiner feinen Hände, seines blassen Gesichts, seines harmlosen Lebens schämte<< machte den um vieles Älteren zu seinem Vorarbeiter, bald überhaupt zu seiner rechten Hand, und je tiefer er in dessen Wesen eindrang, desto klarer wurde ihm, daß er in diesem einfachen, ungebildeten Menschen sehr viel mehr als bloß eine ideale Arbeitskraft gewonnen hatte: >>daß dieser Sorbas ein Mensch war nach dem ich so lange gesucht und den ich bisher nicht hatte finden können. Ein lebendiges Herz, eine warme Kehle, eine unverbrauchte große Seele, die sich noch nicht von Ihrer Mutter, der Erde, getrennt hatte wie der Säugling von der Nabelschnur... Ich schaute in Sorbas' mondhelles Gesicht und freute mich, wie mutig und einfach er sich mit der Welt auseinandersetzte, wie Körper und Seele bei ihm eine Einheit bildeten, wie sich alle Dinge - Frauen, Brot, Wasser, Zukost und Schlaf - harmonisch und glücklich seinem Fleisch verbanden. Nie hatte ich solch ein freundschaftliches Verhältnis zwischen einem Menschen und dem Weltall erlebt<<

Nun stehe ich im Hof seines Hauses in Prastova. B., der weltflüchtige Maler aus dem fernen Bayern, der mich auf mein Drängen schließlich doch eingelassen hat, legt seine Scheu ab, so wie er Näheres über den Grund meines Kommens erfährt. Hatte er sich nicht selber, damals vor zehn Jahren, von Kazantzakis' Roman enthusiasmiert, auf den Weg hierher gemacht, sich jene meditative Landschaft zu erschließen, die ihm aus dem >>Sorbas<< so innig vertraut war? Und soll man es wirklich einen Zufall nennen, daß ihm dann, auf der Suche nach einer festen Bleibe, ausgerechnet das Sorbas - Haus angetragen wurde? Die 40000 Drachmen, seinerzeit durchaus schon ein >>Fremdenpreis<< wären heute ein Bruchteil dessen, was der Besitz einbrächte, wollte er ihn veräußern. Aber kein Gedanke liegt ihm ferner als dieser: Ihm, dem Maler aus dem Norden, scheint an diesem Ort geglückt, was Kazantzakis, dem Dichter aus dem Süden, zeit seines Lebens versagt geblieben und eben drum zum Leitmotiv seines Oeuvres geworden ist: Verstand und Instinkt zueinander in Einklang zu bringen, den Elfenbeinturm - Konflikt des Intellektuellen zu lösen. Der Künstler, der sich selber ein bißchen Nahrung pflanzt, sich selber seinen Fisch aus dem Meer holt, sich selber das Dach richtet, wenn's ihm in seine Kammer regnet, der von den dramatischen Beutezügen des Schakals, denen er von der Terrasse seines Hauses gebannt zuschaut, mühelos den Bezug zu Artaud findet, dessen >>Theater der Grausamkeit<< er im Bücherregal stehen hat, der hier auch ohne jedes Wissen um die Antike die Allgegenwart des Mythos spüren würde - >>Götterstellen<<, wo sein Auge hinblickt - und den nur ein einziges wirklich schwer ankommt: der Gedanke, sich nächstens wieder einmal aufraffen und in Richtung Zivilisation aufbrechen zu müssen - jene pro Jahr zwei, drei Bilder an den Mann zu bringen, auf deren Erlös auch ein Eremit wie er nicht verzichten kann. Wie ist das - wird man sie >>draußen<< überhaupt verstehen? Wird man begreifen, daß er es längst verlernt hat, Landschaften zu malen - hier, wo es keine >>Motive<< mehr gibt, sondern nur noch Vollendung, Abstraktum, >>nature pure<<? Wo dem Künstler nur mehr die Sprache des Zen als Ausdrucksmittel bleibt? Hat nicht Kazantzakis, auf seine Weise, die gleiche Erfahrung gemacht: als er sich, bei seinen Aufenthalten in Prastova, zu buddhistischer Meditation in eine der Meeresgrotten zurückzog, keine Menschenseele an sich heranlassend - um tags darauf um so leidenschaftlicher ihre Nähe zu suchen?: >>Ich bemühte mich, ein anderer zu werden, mich für praktische Arbeit zu interessieren, mich nicht mehr mit Worten, sondern mit lebendigen Menschen abzugeben. Ich wollte eine Art Kommune organisieren, mit Arbeit für alle, gleichem Essen und gleicher Kleidung mit einem gemeinsamen Einkommen, als wären wir Brüder. Eine Art von neuem religiösem Orden sollte entstehen, der Sauerteig für ein neues, besseres Zusammenleben aller Menschen. Auch B. sind derlei Anwandlungen nicht fremd. Aber nur selten folgt einer von >>draußen<< seinem Ruf, und noch seltener hält er, hat er einmal seinen Fuß in das karge, harte Land der Maniaten gesetzt, in dem noch Partisanengeist und Patriarchalismus regieren, Armut, Blutrache und Analphabetismus durch.

In einer der Kammern ein Porträt, das B. vor Jahren gemalt hat: Es zeigt den alten Barbastratis, typisches Gesicht der Gegend, zerfurcht von Sonne, Wind und Lebenskampf. Er hat als junger Mann im Bergwerk gearbeitet einer aus Sorbas' Schar also. Und er hat alles mitgemacht, was es mitzumachen gab: den verheißungsvollen Beginn, die ersten bösen Stolleneinstürze, schließlich den Zusammenbruch des Unternehmens. Und in einem der Winkel des Hauses liegt auch Immer noch ein Klumpen Kohle von damals - nie käme B. auf den Gedanken, ihn zu verheizen, da mag's so kalt werden, wie's will. Am Ende stammt er von einem jener gloriosen Funde, die den alten Sorbas stets vor Freude tanzen machten, tanzen, singen und überschwenglich in die Saiten seines Santuri greifen - wer weiß. Eines steht fest: Die Reliquie ist in guten Händen. Solange B. hier der Hausherr ist, wird sie nicht den Grundstein für irgendein albernes Sorbas - Museum abgeben - man muß mit so was ja immer rechnen. Der Wegweiser, der droben an der Überlandstraße die Richtung zum Dorf anzeigt, ist gefährlich genug: >>Odos Kazantzakis<< In den Jahren der Militärdiktatur, der der Freiheitsfanatiker Nikos Kazantzakis ein erklärtes Greuel war, hat die Straßentafel allerdings stark gelitten: Von den Gegnern überpinselt, von den Anhängern flugs wieder erneuert, ist der Name des Dichters seither nur schwer zu entziffern. Und das ist gut so: Prastova, das weltentrückte Nest zu Füßen der Taigetos - Berge, wäre für einen Ansturm von Sorbas - Pilgern schlecht gerüstet. Auf dem Rückweg ins Dorf - hier ein Ölbaum, dort eine Zypresse, eine Hirtin mit ihren Ziegen, ein Bauer auf seinem Maultier - komme ich an jenem Hang vorüber, wo vor sechzig Jahren Nikos Kazantzakis das bewußte Gastspiel als >>Unternehmer<< gab; ohne große Mühe finde ich die zwei Stolleneingänge. Auch das eine und andere Gerät liegt frei im Gelände herum - das mag wohl von 1940 stammen, als hier zum letzten mal ein Versuch unternommen worden ist, dem Boden etwas von seinen kargen Schätzen zu entreißen. Heute breiten sich an dieser Stelle Versuchsfelder für Bananenanbau aus - ein armseliger Einmannbetrieb, der inzwischen, mangels Ertrags, auch schon wieder im Begriff ist, eingestellt zu werden. Theodoros, der mir den Dolmetscher macht, rät zu kurzer Rast im Nachbarort Stoupa, einem malerischen Fischerhafen: Vielleicht finde sich unter den dortigen Einwohnern noch einer, der sich an Sorbas erinnert. Wir haben Glück: Der arme alte Georgios, der auch ohne Zeche im Kafeneion unbegrenztes Gastrecht genießt, hat seinen Namen von ihm - 1917 war Sorbas sein Taufpate. Und der Bootsbauer Manolis, der in jenen Jahren schon zur Schule ging, ist einmal auf Geheiß der Lehrerin mit seiner Klasse in den Stollen gekrochen - Sorbas als praktischer Naturkundeunterricht. Er zeigt mir von seinem Boot aus die Felsgrotte, in die Kazantzakis sich zurückzuziehen pflegte, und die Anlegestelle, von der aus die Kohlenboote ihre Reise nach Kalamata, Volos und Piräus antraten. Die Taverne in der winzigen Sandbucht bietet als einzige Erfrischung Wassermelonen an - auch ohne die Nähe der Stadt Sparta wäre dies hier spartanisches Land, von Athen vergessen, von den Touristen gemieden. Theodoros hat bis vor kurzem an der Schule seines Bruders in Kalamata Deutschunterricht erteilt. Doch seitdem es im griechischen Fernsehen, von den Amerikanern serienweise angekauft, diese Nazi - Horrorfilme gibt, ist Deutsch als Wahlfach rapid zurückgegangen - welches Kind mag schon von seinen Mitschülern als blutrünstiger Hunne verteufelt werden? Theodoros versucht seither sein Glück im Hotelfach: als Barmann in einem Musterbetrieb, der den schönen Namen >>Filoxenia<< trägt - zu deutsch: Gastfreundschaft. Er bringt mich, als wir am Nachmittag in die Stadt zurückkehren, mit seinem Bruder zusammen: Lehrer, Festspielmanager und Ortsgruppenvorsitzender der Papandreou - Partei - der kenne in Kalamata alle Leute, also bestimmt auch die Sorbas - Tochter, hinter der ich her bin.

Georgios Sorbas, um 1870 als eines von vier Kindern eines Ziegenhirten in dem mazedonischen Fischerdorf Cholindro, geboren und vom älteren Bruder - zeitweise Landarzt, zeitweise Athos - Mönch - großgezogen, erlernt den Bergmannsberuf. In Chalkidike, an seiner ersten Arbeitsstätte, verliebt er sich in die Tochter des Vorarbeiters. Eleni ist fünfzehn, er selber etwas über zwanzig. Sie heiraten - aus der Ehe gehen nach und nach zehn Kinder hervor. Doch als die Mutter vierunddreißig ist, werden sie Waisen: Eleni stirbt an der Schwindsucht, der Witwer muß die Familie fortan allein durchbringen. Eines der zehn ist das Mädchen Androniki. Wenn sie heute noch lebt, müßte sie siebenundsiebzig sein. Und sie lebt! Theodoros' Bruder Sotiris macht sich mit mir auf die Suche - erst unlängst hat er das alte Weiblein noch gesehen. Androniki Geheif - Witwe eines Exilgriechen aus Odessa, der in Kalamata einen Photoladen besaß. Nun führt der Sohn das Geschäft, ihn wollen wir nach der Adresse der Mutter fragen. Doch es ist Samstagnachmittag, der Laden hat schon zu. Weiter also von Kneipe zu Kneipe, schließlich in die Redaktion des Lokalblatts >>Simaia<< - es ist die gleiche Zeitung, die am 2.Apnil 1916 in einem enthusiastischen Bericht den Start des Bergbauuntemehmens Kazantzakis - Sorbas gefeiert hat.

Wir finden die Tochter des weltberühmten Roman-, Film- und Musicalhelden hinterm Fenster ihres Pensionistenstübchens : beim Nachmittagstratsch mit der Nachbarin. Wir werden ins Innere gebeten - die winzig kleine, quicklebendige Person mit den lustigen Grübchen und dem wohlgeordneten weißen Haar plaziert mich neben sich auf die Bettcouch, eine andere Sitzgelegenheit gibt es nicht. Auf die Frage nach ihrem Vater deutet sie stumm auf die handkolorierte Photographie an der Wand: ein Mann in den besten Jahren, dichtes schwarzes Haupthaar, nur an den Seiten schon in Silber übergehend, der keck geschwungene Schnauzbart, die großen dunklen Augen mit dem durchdringenden Blick. Ich beginne meine paar Fragen zu stellen, Sotiris gibt sie in seiner Sprache an sie weiter. Aber warum auf einmal diese Wortkargheit der eben noch so übersprudelnd gesprächigen Frau? >>Sie redet nicht gern von ihrem Vater. Sie trägt ihm nach, daß er seine Familie im Stich gelassen hat. Die Mutter tot, die zehn unmündigen Kinder, Hungersnot und Krieg und dann wandert er nach Serbien aus und kehrt nie wieder zurück. Das war für sie ein furchtbarer Schlag, das muß man verstehen.<< Und so hörte ich die Geschichte des Griechen Georgios Sorbas, der nach dem unrühmlichen Ausgang des Bergwerksabenteuers von Prastova mit seinem >>Chef<<, dem um dreizehn Jahre jüngeren Schriftsteller Nikos Kazantzakis, in den Kaukasus reist, um - im Auftrag der Athener Regierung - an der Heimholung der Rußlandgriechen mitzuwirken, auf der Rückreise, einer Liebschaft wegen, sich absetzt, nacheinander zwei Russinnen ehelicht, Nuscha und Fenja, schließlich in Serbien landet, dort neuerlich heiratet und, was die Arbeit betrifft, sich im Magnesitbergbau versucht. Zwischen den Freunden gehen Briefe hin und her, nur zu einem Wiedersehen kommt es nicht mehr. Fünfzehn dieser Briefe sind erhalten - aus den Jahren 1922 und 1923, geschrieben im Raum Nis. Bizarr in der Formulierung, phantastisch in der Interpunktion, je nach Laune schwankend zwischen dem distanzierten >>Sie<< und dem vertrauten >>Du<<. Briefe einer fröhlichen Resignation, was sein Tagewerk, einer durch nichts zu trübenden Lebensfreude, was seine Frauen, und einer erstaunlichen Gleichgültigkeit, was seine Kinder betrifft. >>Jeder andere setzt alle seine Hoffnungen in sie, mich lassen sie kalt.<< Androniki, die Nr. 4 in der stattlichen Reihe, schlägt die Augen zu Boden. Nicht, daß sie ihren Vater haßte - sie spricht nur nicht gern von ihm -, das ist ein Unterschied, und sie beschwört meinen Begleiter, mir diesen Unterschied klarzumachen. 1942 ist er gestorben - in Skopje. In der Fremde. Und dort, in der Fremde, liegt er auch begraben. Im Widerstreit zwischen dem Wunsch, mir zu dienen, und der Scheu, in ihrem Herzen alte Wunden aufzureißen, wühlt Mütterchen Androniki mit halb abgewandtem Gesicht in der alten Andenkenschatulle. Ein Foto von den Kumpels von Prastova: an die siebzig junge Arbeiter in voller Montur, dazu die zwei türkischen Stollenwächter in ihrer malerischen Phantasieuniform, vom links Sorbas, der Vorarbeiter. Und schließlich, zerknittert und. vergilbt, ein Brief. Der Brief, den ihr Bruder Andreas, ältestes der Sorbas - Kinder, 1957 an jenen Mann gerichtet hat, der dem Vater ein so prachtvolles Denkmal gesetzt hat - mit seinem Roman >>Alexis Sorbas<<. Es war in Kazantzakis' Sterbejahr, auf seinem Alterssitz d'Antibes, der Dichter konnte das Elaborat gerade noch beantworten. Ein Brief, der ihn fürchterlich getroffen haben mag, denn statt Dank enthielt er nichts als Unflat, Dummheit, Indolenz. Andreas Sorbas, ältester Sohn des Georgios Sorbas, Oberst der griechischen Armee, schrieb an den 74 jährigen Kazantzakis:

An Herrn Nikos Kazantzakis.

Seit langem möchte ich Ihnen die melancholischen Gedanken mitteilen, die Ihr Buch >>Alexis Sorbas<< in mir hervorgerufen hat... Monsieur Kazantzakis: Sie müssen eine schwere Last auf dem Gewissen haben! Sie haben eine Verletzung begangen, haben eine große Familie von anständigen Arbeitern beleidigt, die seit Jahren hart gekämpft und sich von Seiten der Gesellschaft Achtung und Ehre verdient hat. Wir, die lebenden Kinder von Georgios Sorbas sowie seine zahlreichen Enkel, wir fragen uns, ob unser Vater der war, als den Sie ihn schildern: ein herumziehender Fiedler, ein Verrückter, ein Vagabund mit Ranzen und Bogen, ein Bettler, der in den Kaffeehäusern gespielt hat und mit seiner Mütze sammeln gegangen ist. Ist das die Würdigung, die Sie einem Unschuldigen erweisen, der die Güte und Einfalt hatte, Sie zu achten? Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie, in dern Sie öffentlich und vor der ganzen Welt unsere Familie beleidigt haben, einen schwerwiegenden Fehler begangen haben. Ich habe das Recht, zu fragen, au welche Weise Sie gedenken, dies wiedergutzumachen und unsere Famillienehre wiederherzustellen. Ich bitte Sie so bald wie möglich um Antwort.

Andreas Sorbas Athen, den 17.April 1957

Der Schmerz, der dem greisen Dichter durch diesen Inhalt zugefügt wurde, war zu groß, als daß er die Sache hätte auf sich beruhen lassen können. Voll Bitternis schrieb er, wenige Monate vor seinem Tod, zurück: >>Kaum einen Menschen habe ich so sehr geliebt wie Ihren Vater, keinen so hochgehoben, keinen so in der ganzen Welt bekanntgemacht. In den Vereinigten Staaten von Amerika, so höre ich, denkt man daran, einen Verein der Sorbas - Freunde zu gründen, und von einem hohen Diplomaten des Landes weiß ich, daß er den Plan gefaßt hat, sein bisheriges Leben aufzugeben und dem Beispiel meiner Romanfigur zu folgen. Und nun beklagt sich der Sohn...<<

Worüber eigentlich beklagt er sich? Im Ernst: worüber? Was um Himmels willen hat dieser Andreas Sorbas, den ich selber dazu nicht mehr befragen kann, weil er zwei Jahre nach der Affäre gestorben ist, am Bildnis seines Vaters auszusetzen? Ich werde versuchen, es seiner Schwester zu entlocken, Androniki muß es wissen - schließlich behauptet er, im Namen der gesamten lebenden Nachkommenschaft zu sprechen. Was also ist es? Na los, was?

>>Unser Vater war kein Landstreicher. Und er hat Buzuki gespielt - nicht Santuri.<<

O, diese Familien! O, diese Angehörigen! O, diese Hinterbliebenen! Wann je wird der Dichter geboren werden, der das Kunststück zuwege brächte, es ihnen recht zu machen?

Androniki Geheif geb. Sorbas, Tochter des Bergmanns, Holzfällers, Hausierers, Schmugglers, Buzuki - Spielers, Bigamisten und Romanhelden Georgios Sorbas, ist auf ihren Vater nicht gut zu sprechen. Aber noch weniger gut zu sprechen ist sie auf den Mann, der ihren Vater in den Himmel gehoben hat. Und sie ist auch entschlossen, daraus ihre Konsequenzen zu ziehen: Sie wird sich hinsetzen und selber ein Buch über ihren Vater schreiben. Das wird dann der wahre Sorbas sein. Das - und nichts sonst. Gleich jetzt wird sie damit anfangen. Zu lange schon schiebt sie es vor sich her. Viel Zeit bleibt ihr dafür ohnehin nicht mehr - mit siebenundsiebzig. Aber das muß noch erledigt sein - das auf jeden Fall. Erst dann kann sie ruhig sterben. Erst dann.

Aus: Dietmar Grieser, "Piroschka, Sorbas & Co."
(Sie können sich den Text auch als .zip runterladen!)

Recht herzlichen Dank unbekannterweise an Herrn Grieser,
für den Ausschnitt "Der wahre Sorbas" aus "Piroschka, Sorbas & Co.". Er möge mir verzeihen...!

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